Warum ich so heiße, wie ich heiße

Wusstest Du, dass ich eigentlich erst seit dem 14. Juni gegen 8.30 Uhr so heiße, wie ich heiße? Eigentlich ist die Geschichte mit meinem Namen schon fast so lang wie ein Roman. Alles ging mit dem „N“ los. Nachdem Novalee ja auch einen „N“-Namen bekommen hatte, hätten es wohl auch alle etwas komisch gefunden, wenn‘s bei mir plötzlich ein anderer Anfangsbuchstabe geworden wäre (seltsam eigentlich: Wer meine Eltern ein bisschen kennt, der weiß, dass ihnen das schon Grund genug hätte sein können, diesmal einen anderen Anfangsbuchstaben zu wählen). Mama hat mal wieder das Internet befragt und lange Listen geschrieben mit „N“-Namen samt Herkunft und Bedeutung. Da gab es so schöne Namen wie Noé (hat Mama aus einer ihrer frühneuzeitlichen Quellen) oder Nanook (grönländisch: Eisbär), Niven (irisch: kleiner Heiliger), Nathanael (hebräisch: das Geschenk Gottes – stand schon bei Nayeli mit auf der Liste!) oder Nouri (arabisch: Feuer). Letzterer gefiel Mama ja schon ganz gut, genau wie sein hebräischer Vetter Nuria (Feuer Gottes) – aber irgendwie klangen ihr die beiden Namen zu weiblich. Fand Papa übrigens auch.
Mama fand dann zwei weitere Vornamen aus der gleichen Ecke: Nurian und Nuriel. Schon besser. Aber irgendwie erschien ihr Nuriel doch ein bisschen zu nah am amerikanischen Mädchennamen Muriel. Und Nurian war ihr dann offenbar von der Endung her (vgl. Christian, Fabian, Sebastian, Florian) zu gängig. Aber genau dazwischen, das hätte ihr gefallen: Nicht NuriAN und nicht NuriEL sondern NuriEN.
Mama fragte das Internet. Das Internet sagte ihr, dass es Nurien durchaus als Vornamen gibt – allerdings als weiblichen, und zwar angeblich auch aus dem Hebräischen und, wie die Google-Bildersuche bewies, aus Japan. Aber wenn’s Mama erstmal gepackt hat … frag mal Papa, der kann Dir ein Lied davon singen. Jedenfalls guckte Mama weiter durch die „Nurien“-Bilder bei Google – und fand: „Nuriën Simons“.
Wer das nun wieder ist? Das kann ich Dir beim besten Willen auch nicht sagen. Mama fand nur so viel heraus: Nuriën Simons ist ein ziemlich junger holländischer Fotograf mit dunkler Haut und langen Haaren, dessen Werke Mama nicht gerade vom Hocker rissen. Aber: Das war ganz klar ein Mann und der hieß ganz klar mit Vornamen Nuriën! Neu waren nur die Pünktchen, aber die fanden alle, mit denen Mama drüber sprach, eher noch gut, damit keiner „Nuriiiiin“ aus meinem Namen macht.
Mama versuchte mehr über den Namen herauszufinden. Ein des Holländischen mächtiger Freund sagte ihr, „nuriën“ bedeute so viel wie „tönen“ oder „klingen“ (seinen Hinweis, Namen wie „Marcel“ oder so erschienen ihm besser geeignet, verfolgte Mama nicht weiter. Siehe oben: Wenn sie sich mal was in den Kopf gesetzt hat…) Das Internet verriet ihr auch nicht mehr, weil sie in diesem Fall nicht seine Sprache sprach. Und den Fotografen selbst nach der Herkunft seines Namens zu fragen, wäre nur möglich gewesen, wenn Mama ihn über ein holländisches soziales Netzwerk kontaktiert hätte, und die scheut Mama wie der Teufel das Weihwasser – und nicht nur holländische.
Also rief sie nach Absprache mit Papa die kostenpflichtige Hotline der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ in Wiesbaden an. Das sind übrigens die, die darüber entscheiden, ob ein Kind Sputnik oder Pumuckl heißen darf, oder nicht. Sie schilderte kurz (und ich meine: kurz: die Hotline ist wirklich nicht billig!) was sie über den Namen wusste und erhielt dann die Auskunft, sie solle eine Stunde später nochmals anrufen, dann wisse man mehr. Dass das eine lange Stunde für Mama war, brauche ich Dir ja nicht zu erzählen. Aber nach dieser Stunde erfuhr sie dann, dass der Name sowohl weiblich als auch männlich als Vorname nachgewiesen sei, unter anderem in sehr zuverlässigen holländischen Quellen, und dass nicht zuletzt die Namensgebung Nuriën Simons die Gesellschaft für deutsche Sprache veranlassen würde, einer solchen Namensgebung bei gleichzeitigem geschlechtlich eindeutigen zweiten Vornamen zuzustimmen. Na, und vor lauter Freude einerseits und Hotlinekosten-Panik andererseits vergaß Mama dann ganz, nochmal genau nach der Bedeutung des Namens zu fragen. Das will Papa jetzt übrigens nachholen, weil ihn alle danach fragen und es ihn nervt, dass er nichts dazu sagen kann. Also: Vielleicht wissen wir bald mehr.

So. Mama hatte jetzt jedenfalls ihren Favoriten. Mit dem zweiten und dritten Vornamen war sie sich auch schon längst klar, das hatte sie sich schon vor Nayelis Geburt überlegt, dass sie einen Sohn gern mit zweitem und drittem Vornamen „Ben Sander“ (Ben = hebräisch: Sohn, Sander von Alexander, also: „Sohn des Alexander“) nennen würde.

Und Papa? Der war offenbar noch nicht so richtig überzeugt. Er ist zwar ganz generell, wenn Mama euphorisch mit irgendeinem Vorschlag kommt, nicht so wirklich der konsequente „Ja“-Sager (Mama würde sagen, eher ein konsequenter „Nein“-Sager, um sich später ggf. eines Besseren belehren zu lassen – sehr viel später, würde Mama sagen). Vielleicht wollte Mama ihn auch ausnahmsweise nicht so richtig überrumpeln. Wie auch immer es eigentlich zu dieser Abmachung kam, ist ja letztlich auch nicht so wichtig, entscheidend ist die Abmachung an sich: Mama und Papa verständigten sich etwa acht Wochen vor meiner Geburt darauf, dass sie sich mich zuerst anschauen wollten, bevor sie sich endgültig für einen Namen entschieden. Papas Favorit war nämlich zu diesem Zeitpunkt noch mit weitem Abstand „Nathanael“, wobei er sich auf die Vorschläge von Mama zu einem zweiten und dritten Vornamen schon fast einzulassen bereit war (Mama meint sich sehr genau zu erinnern, dass er diese Variante in der Namensdiskussion vor Nayelis Geburt noch vehement abgelehnt hat. So viel zu „…sehr viel später“).

Na, und dann kam die Sache mit dem Feld. Wenn man nämlich von Ronneburg nach Langenselbold fahren will oder umgekehrt, dann gibt es dafür normalerweise zwei Wege. Zur Zeit ist das wegen einer großen Baustelle aber anders, da gibt es nur einen Weg, und der führt unter anderem durch die Langenselbolder Felder vorbei an einem Feld, das Ende März / Anfang April noch ziemlich trostlos aussah: Nur scheinbar sehr vereinzelt wuchsen da Pflänzchen auf diesem ganzen Feld verteilt. Aufmerksam wurde Mama auf dieses Feld dann aber dadurch, dass da irgendwo ein ziemlich hoch gewachsener Stiel herausschaute, und an dem fing es eben im April an, gelb zu blühen. Nun musst Du wissen, dass Papa Augen hat wie ein Adler, Mama aber eher wie ein – na, eben nicht gerade wie ein Adler. Deswegen war sie sich auch gar nicht so sicher, ob sie ihren Augen da trauen konnte, wenn sie aus dieser einen gelben Blüte auf dem Feld darauf schloss, dass es sich hierbei nur um die erste von ganz vielen kleinen gelben Blüten auf einem Rapsfeld handelte. Sie fragte Papa, was er dazu meinte. Papa schaute auf das eher traurig bestückte Feld und sagte, das sehe ihm eher nach Gründünger aus, der vor der eigentlichen Aussaat noch untergepflügt werde. Mama gab sich für dieses Mal mit der Antwort zufrieden. Aber sicher war sie sich noch nicht, ob das so stimmte, und so fragte sie Papa bei der nächsten gemeinsamen Fahrt vorbei an besagtem Feld, ob er nicht meine, dies könne auch ein Rapsfeld sein. Papa war sich aber sicher: Der Gründünger werde sicher noch untergeeggt. Als aber bei der nächsten gemeinsamen Passage des Feldes noch ein paar gelbe Flecke mehr in Mamas Blickfeld aufgetaucht waren, stellte sie nochmals ihre These zu diesem Feld zur Debatte. Papa sagte, er sei sicher, dass es sich nicht um ein Rapsfeld handle, darauf wette er. Um was, wollte Mama wissen. Um das Recht, unserem Kind seinen Namen zu geben, antwortete Papa. Gut, antwortete Mama schnell. Den Rest der Fahrt über war sie keinesfalls deswegen so still, weil sie so zufrieden mit sich war, sondern eher deshalb, weil sie fieberhaft überlegte, wie sie aus dieser Kiste nun wieder hinauskäme, wenn das Feld doch kein Rapsfeld sein sollte…
Nun, es wurden immer mehr gelbe Blüten, und bei jeder Fahrt nach Langenselbold wurde Papa stiller, wenn ihn die Straße aus dem Wald heraus und in die Felder hinein führte. Die Gerüchte, er habe dem Bauern einen vierstelligen Betrag geboten, damit dieser das Feld doch noch umpflüge, und schließlich sogar angeboten habe, die Arbeit selbst zu übernehmen, entbehren freilich jeder Grundlage. Aber Raps blieb Raps.

Wie das mit meiner Geburt war, hast Du ja an anderer Stelle schon gelesen, und das ist ja auch nicht entscheidend für meine Namensgeschichte. Wichtig ist aber in dem Zusammenhang, dass ich offenbar, als ich endlich draußen und einigermaßen sauber war, weder exakt nach Nathanael noch genau nach Nuriën und auch nicht so wirklich nach Nian aussah – diesen Namen hat Papa, vielleicht aus lauter Verzweiflung wegen des Rapsfeldes, noch rund zehn Tage vor meiner Geburt ins Spiel gebracht, nachdem er bei einer Autofahrt mit meinen Schwestern „Lauras Stern und der Drache Nian“ gehört hatte. Ich weiß nicht, ob die beiden wirklich erwartet hatten, dass Kinder, wenn sie geboren werden, nach irgendeinem Namen aussehen oder nicht. Jedenfalls waren sie erstmal etwas ratlos. Als Papa am frühen Abend erklärte, er wolle meinen Schwestern noch vor deren Zubettgehen Bilder von mir zeigen und müsse deshalb leider langsam los, wollte er aber doch vorher noch klären, wie ich denn nun heiße. Papa war nach wie vor dringend für Nathanael. Mama hielt sich zurück – weil sie Papa eigentlich nichts überstülpen wollte. Und sie hat wirklich ernsthaft überlegt, ob sie sich nicht auch mit Nathanael so sehr anfreunden können würde, dass sie diesem Namen zustimmen könnte. Aber an diesem Abend kamen sie einfach noch nicht auf einen Nenner. Sie verabredeten, eine Nacht darüber zu schlafen. Am folgenden Tag war Peggy dabei, als sich Mama und Papa wieder über meinen Namen unterhielten. Gemeinsam schauten sie sich die Pro-/Contra-Listen an, die Mama zu „Nathanael“ und „Nuriën“ geschrieben hatte. Sie überlegten lange hin und her, bis Papa irgendwann fragte, was er denn bekomme, wenn er sich auf Nuriën einließe. Eine Flasche Rapsöl, sagte Mama.

Die Flasche Rapsöl hat Papa noch nicht bekommen. Aber ich war am nächsten Morgen mit Mama bei der Standesbeamtin, um mich endlich anzumelden, nachdem Papa kurz vor dem Gehen abends noch gesagt hatte, Mama solle entscheiden. Trotzdem hat er dann am Telefon nochmal nachgefragt, welchen Namen sie der Standesbeamtin denn nun genannt hatte…

So bin ich also ein Nurien geworden und kein Nathanael. Aber in einem sind sich mein Papa und meine Mama absolut einig: Ein Geschenk Gottes bin ich in jedem Fall.


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