Meine vergleichsweise unspektakuläre Geburt

Du siehst es ja schon am Titel dieser Rubrik: Mama und ich haben keine große Show draus gemacht. Das, was meine Schwestern so zu dem Anlass alles angezettelt haben, lässt sich ja auch schwer toppen, ohne das ganze Projekt erheblich in Gefahr zu bringen. Also habe ich mich schlicht damit hervorgetan, dass ich mal überhaupt keine Mucken gemacht habe – weder bei der Geburt an sich noch in der ganzen Zeit, die ich in Mamas Bauch verbracht habe. Ich habe sie nichtmal irgendwie geboxt oder getreten, was man so von diversen Kollegen hört. Ich habe immer nur ganz zurückhaltend und freundlich angeklopft bei ihr, wenn ich mal den Eindruck hatte, dass sie jetzt vielleicht ein bisschen Zeit hat, um mit mir zu kommunizieren.
Der 19. Juni war mein errechneter Geburtstermin. Weil nach den drei Kaiserschnitten von Nayeli, Nimué und Novalee niemand mehr etwas anderes mit Mama machen wollte und die Ärzte auch alle deutlich gemacht haben, dass sie keine Gewähr für die Festigkeit der alten Narben geben und deshalb nicht wollen, dass auch nur eine Wehe an ihnen reißt, wurde eine terminierte „Re-Re-Re-Sectio“ geplant. Mama und Papa waren in einem solchen Falle dafür, den unschlagbaren Vorzug einer solchen geplanten Geburt in Puncto „schickes Geburtsdatum“ voll auszunutzen. Eigentlich sollte mein Geburtsdatum ja rund zwei Wochen vor meinem errechneten Termin liegen. Deshalb hatten Mama und Papa den 06. 06. 2012 in der Hinterhand, falls Herr Dr. Bahlmann, mein ebenfalls geplanter Geburtshelfer, nicht mit ihrem eigentlichen Vorschlag einverstanden sein sollte. War er aber. Ich glaube, er fand das Datum auch cool.
Und so stand ich als allererster an diesem Tag auf dem OP-Plan! Man könnte freilich denken, dass das an mir lag. Aber es lag viel mehr am Herrn Bahlmann, weil der der Chef von der Geburtshilfe im Bürgerhospital ist, und der Chef darf immer zuerst operieren, das ist halt so. Eigentlich wollte ich noch gar nicht raus. Sonst hätte ich vorher schonmal angekündigt, dass es mir so langsam zu eng wird. Aber angeklopft habe ich, wie gesagt, eigentlich regelmäßig nur dann bei Mama, wenn sie sich ruhig hingelegt oder hingesetzt hat – insbesondere in Ausschuss- und Gemeindevertretersitzungen habe ich Mamas Bauch da manchmal auch ganz schön zum Hüpfen gebracht.
Nun, ich kann’s kurz machen: Mama war in den letzten Wochen vor meiner Geburt ganz schön wehmütig, weil das ja nun wirklich die letzten Wochen Schwangerschaft für ihr ganzes Leben sein sollten. Und am Abend des 11. Juni wurde ihr plötzlich ganz seltsam ums Herz, als sie sich klarmachte, dass ich in nur 12 Stunden schon in ihren Armen liegen würde… Um fünf Uhr morgens sind sie dann beide aufgestanden, meine Eltern, haben sich geduscht, Mamas Tasche ins Auto verfrachtet und sind nach Frankfurt gefahren. Papa hat das ganz toll gemacht, vollkommen ohne Hektik, dafür war Mama ihm sehr dankbar, und einen guten Parkplatz hat er dann auch gefunden, genau gegenüber von ihrer alten Frankfurter Wohnung. Auf der Station angekommen hat sich Mama dann in unserem Zimmer für die OP schick gemacht, und dann sind wir nach einem letzten CTG auch schon runter gefahren. Mit der ganzen Piekserei im OP, das hat dann offenbar auch gut geklappt, und als das große blaue Tuch dann hing, hat Herr Bahlmann auch gleich losgelegt. Und nun komme ich ins Spiel: Ich hatte mich gerade so schön und gemütlich eingekuschelt, da wurde ich plötzlich in Mamas Bauch nach unten gedrückt, dann zum ersten Mal mit starken Händen angefasst und nach draußen geholt ins Kalte, Helle und Laute. Herr Bahlmann hat mich dann wie eine kleine Kasperlepuppe über das blaue Tuch gehalten, damit Mama und Papa gleich mal mein angesichts der Begleitumstände etwas zerknittertes Gesicht betrachten konnten; vorher hat Mama schon ängstlich auf meinen ersten Schrei gewartet, nachdem sie gefühlt hatte, dass ich draußen bin, aber noch keinen Mucks von mir gegeben hatte. Wie gesagt: Ich wollte keine große Show draus machen.
Weil ich ja schon super fit war, musste mich auch niemand absaugen oder sowas. Die Hebamme hat mich in ein angewärmtes Handtuch gewickelt (was ich okay fand, nicht so weich wie in Mamas Bauch, aber okay) und Mama ganz nah an ihren Kopf gelegt. Deren Arme waren ja mit diversen Schläuchen so verdrullert, dass sie keine Hand frei hatte für mich, aber sie hat dann ganz viel mit mir gekuschelt und an mir geschnüffelt, mich geküsst und mir ganz leise etwas erzählt – was, das weiß ich nicht mehr, aber ich fand das alles doch ziemlich beruhigend. Ganz lange durfte ich da bei Mama sein. Aber dann musste ich doch mit der Hebamme und Papa schon mal nach oben. Dort wurde ich gewogen, gemessen und angezogen, und dann habe ich ganz, ganz lange auf Papas Arm vor unserem Zimmer auf Mama gewartet. Und als die dann endlich hochgefahren wurde mit ihrem Bett, hat mich Papa zu ihr ins Bett gelegt. Mama war jetzt gar nicht mehr wehmütig, weil sie nun nicht mehr schwanger war. Sondern sie war extrem glücklich, genau wie Papa: Beide haben sich nämlich unabhängig von einander ganz viele Sorgen gemacht, dass ich krank sein könnte, das irgendetwas schief laufen könnte bei der Geburt oder sowas in der Art. So viele Gedanken hatten sie sich bei meinen Schwestern nicht gemacht. Da kommt wahrscheinlich dann doch das Alter ins Spiel… Jedenfalls hat sie mich, genauso wie Papa vorher, ganz verwundert angeschaut. Zugegeben: Ich bin auch wirklich hübsch: Schon bei Geburt hatte ich jede Menge ziemlich langer, sehr dunkler Haare und wunderschöne lange und wohlgeformte Fingernägel. Papa sagte Mama gleich, dass ich überhaupt keinen Storchenbiss habe (stimmte nicht ganz: den im Nacken hat ihm später die Hebamme gezeigt), aber auch keine Haare auf den Ohren (Haare auf den Ohren? Wer hat denn auch sowas?) – und darüber waren sie tatsächlich ein bisschen enttäuscht. Ganz ehrlich, das sind schon Freaks, die beiden. Über die weißen Pünktchen auf meiner Nase war Mama dann wieder ganz entzückt.

Na, und dann haben wir uns alle erstmal eine Runde aufs Ohr gelegt und den Tag ganz ruhig angehen lassen. War ja auch genug Aufregung für meinen ersten Tag auf Erden, finde ich.



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